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Unmenschliche Arbeitsverhältnisse


30.05.2018 16:47 |
Preis: 100,00 € |

Arbeitsrecht


Beantwortet von


Zusammenfassung: Es geht um fragwürdige Bedingungen in der Systemgastronomie in einem konkreten Fall.


Guten Tag,

Ich habe folgendes Problem: seit etwas mehr als einem Jahr arbeite ich nun schon in einer Systemgastronomie-Kette. Die Arbeitsverhältnisse waren von Anfang an nicht rosig. Ich werde nach Stunden bezahlt, wobei mir oft bis zu einer Stunde Pause am Tag abgezogen wird, ohne das ich sie überhaupt nehmen kann (zB wenn ich unter der Woche Spätdienst habe, der von 17-00uhr geht), da ich den Laden vorne nicht alleine lassen kann und ich Abends auch die einzige Person bin, die im Service arbeitet.
An sich wäre es nicht so dramatisch ohne Pause zu Arbeiten, aber mir wird bei dieser Schicht eine Stunde Pause abgezogen. Also eine Stunde die ich eigentlich umsonst für diesen Betrieb arbeite. Ist das rechtens? Darf man mir pauschal Pausenzeit abziehen, die ich nicht gemacht habe?

Desweiteren gibt es einen Arbeitsbeginn, aber kein Ende. Ich weiss das es in der Gastronomie sehr schwer ist die Mitarbeiter pünktlich nach Hause zu schicken, da man das Resturant schlecht alleine lassen kann, wenn es voll wird. Schon mit zwei Servicekräften wird ein gut Besuchter Laden sehr schwierig. Das heisst lange Arbeitszeiten sind vorprogrammiert, zB in den Ferien. Wer um 12 Uhr mittags anfängt, muss meist bis 23 oder 24 Uhr bleiben. Dazu wird man nach 10 Stunden aus dem System geschmissen, man wird lediglich darüber Informiert, das man zB 67min über der Arbeitszeit liegt. Wir sollen das aufschreiben und der Betriebsleitung geben, die diese dann anscheinend an einen anderen Tag hängt? Was das angeht bin ich mir nicht sicher. Dies dient dazu, das sich niemand mehr über die langen Arbeitszeiten beschweren kann, da man offiziell ja gar nicht so lange gearbeitet hat. Dieses wurde uns auch erst sehr spät mitgeteilt, so dass mir dadurch noch mehr geleistete Stunden fehlen. Kann man überhaupt dagegen etwas machen?
Schon alleine im April habe ich fast 180 Stunden gearbeitet. Wir hatten Personalmangel, also bin ich selbstverständlich eingesprungen. Ich habe oft mehr als 10 Stunden gearbeitet, oder eine Spätschicht bis 24 Uhr gemacht und den Laden um 8uhr morgens zum Frühdienst aufgeschlossen. Ausserdem musste ich schon doppelschichten schieben, weil jemand erkrankt war. Das heisst ich habe meinen geplanten Frühdienst bis 14 Uhr absolviert und musste Abends zum Spätdienst wieder kommen. An dem Tag hatte ich also von 8-14 Uhr Dienst und Abends von 17-00. Am nächsten Tag musste ich um 12uhr mittags wieder zum Mitteldienst erscheinen.

Meine Betriebsleitung und Serviceleitung sind Mutter und Tochter - an sich nichts schlimmes, dachte ich. Doch die Zeit hat mich eines besseren belehrt: Die beiden halten natürlich zusammen und decken sich wenn notwendig. Ich habe gar keine Chance mich bei der Betriebsleitung oder bei den Chefs der Kette über meine Serviceleitung zu sprechen, ohne das es sofort persönlich wird oder die Betriebsleitung nicht ihre Tochter deckt. Und die oberen Chefs interessieren sich (meiner Meinung) nicht dafür, Hauptsache der Laden läuft gut.
Anbei lasse ich ein paar Beispiele, vielleicht können Sie mir einfach zu den einzelnen ein paar Rechtsgrundlagen geben, denn ich soll diese Woche ein Gespräch mit Service und Betriebsleitung führen.

1) Darf ich Stundenzettel verlangen? Natürlich habe ich mir bis jetzt immer meine Stunden aufgeschrieben, auch wie viel Zeit mir abgezogen wird. Darf ich einen Stundenzettel vom Steuerbüro oder meiner Betriebsleitung verlangen? Damit ich nachvollziehen kann, wann sie mich wie bezahlt haben?

2) Darf meine Betriebsleitung mir einfach meine geleisteten Stunden kürzen? Folgender Fall: Am Sonntag war es nicht brechend voll. Meine Serviceleitung ging um 18 Uhr und meine Kollegen und ich waren für den Abend dort. Sie gab uns eine Liste mit Aufgaben, die wir zu erfüllen hatten. Also haben meine Kollegen und ich uns auch gleich ans putzen gemacht, zwischendurch bediente ich die Gäste. Am nächsten Tag wurde eine sprachnachricht bei Whatsapp geschickt, die beiden hätten beschlossen uns die Stunden zu kürzen, da wir die Aufgaben nicht zu ihrer Zufriedenheit erfüllt hatten. Tatsächlich habe ich vergessen, den Eistee in die Kühlung zu bringen. Ermässigt das den beiden mir zB eine Stunde oder mehr abzuziehen? Deswegen würde ich auch gerne einen Stundenlohnzettel bekommen, damit ich einfach überprüfen kann, ob mir wirklich Stunden abgezogen worden sind. Ich kann ja gar nicht mehr darauf vertrauen, das sie an meinen Stunden nicht rumpfuschen. An sich bin ich eigentlich eine sehr zuverlässige Arbeitskraft, ich komme nicht zu spät, springe ein, bleibe länger, fange früher an etc. Auch meine Leistungen waren bis jetzt immer ganz gut.

3) Bei uns gibt es sowohl in den öffentlich zugänglichen Räumen, als auch in den Mitarbeiterräumen und in der Küche Kameras. An sich würde mich das nicht Stören, aber seit neustem spioniert mir und meinen Kollegen die Betriebsleitung hinterher. Wann wir wie oft Rauchen waren (es geht von unserer Pausenzeit ab), wie wir die Gäste bedient haben und generell ob die Regeln eingehalten wurden. Darf Sie das? Ich fühle mich zunehmend unwohl und beobachtet, denn wenn man sich mit ihr anlegt, so heisst es gleich "ich werde in den Kameras gucken, wann du dies und jenes gemacht hast!". Ist das wirklich erlaubt? Ich meine ich stehle nichts oder Verkäufe etwas, was ich nicht verbucht habe und bin auch noch nie in den Verdacht gekommen, so etwas gemacht zu haben. Und unterschrieben habe ich auch nichts, das es für mich ok ist, wenn die Kameras mich Filmen.

4) Meine Betriebsleitung schreit mich wegen nichtigkeiten an, selbst wenn ich zu Hause bin und frei habe, wurde ich schon angerufen und angeschrieen, weil ich es nicht akzeptieren wollte, das man mir Stunden abzieht, die ich geleistet habe. Es wurde mir gesagt, ich muss es akzeptieren, wenn sie das sagt. Und das ich darüber nicht diskutieren soll. Ich weiss das ich in meiner Freizeit nicht ans Handy muss, aber ich will mir meine Arbeit auch nicht immer schlecht sprechen lassen. Ich bin nicht faul und schlecht bei der Arbeit. Ich lasse mir das auch nicht gefallen, da ich deutlich mehr für den Laden tue, als ich eigentlich muss. Wenn sie mir ein Feedback zu meiner Arbeit geben will oder mir sagt, was ich verbessern muss, sehe ich das ein, aber nicht wenn sie mich anschreit und mich vor der Belegschaft schlecht macht. Muss ich mir das wirklich gefallen lassen, weil sie die Leitung hat?
Sie geht auch mit anderen so um, so dass die Kollegen und Kolleginnen sich immer mehr unwohl fühlen und unter Druck gesetzt fühlen.
Tatsächlich erwarten sie, das wir immer erreichbar sind und wenn wir mal nicht einspringen können, wird sofort schlecht hinter unserem Rücken über uns gesprochen.
Die beiden sind durch Mobbing bekannt, dieses Jahr wurde ein langjähriger Kollege aus dem Betrieb gemobbt, weil meine Serviceleitung ihn nicht mehr mochte. Ich war in vielen Situationen dabei und weiss, wie schäbig die beiden sich aufführen können, so dass viele natürlich Angst haben, sie könnten die nächsten sein.

Tatsächlich möchte Ich das aber nicht mehr mitmachen und einfach ganz normal arbeiten gehen, ohne Angst zu haben das meine Stunden gekürzt werden, meine Arbeit schlecht gemacht wird oder ich von den Kameras ausspioniert werde. Vielleicht kann einer von Ihnen mir helfen, so langsam aber sicher bin ich wirklich verzweifelt.

Liebe Grüße und vielen Dank für Ihre Zeit.
30.05.2018 | 18:58

Antwort

von


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Gerne zu Ihren Fragen, die ich sinnvollerweise in Komplexen kommentieren möchte.

Vorab: Sie schildern in der Tat befremdliche Arbeitsbedingungen, die Sie zu Beweiszwecken künftig nach Ort, Zeit und Anlass stichpunktartig niederschreiben sollten, also eine Art Tagebuch. Ggf. sogar etwaige Zeugen/innen zumindest notieren.
Weiter wäre es gut zu wissen, ob es einen Betriebsrat (ggf. sogar Gesamtbetriebsrat) gibt und wie viele Mitarbeiter der Betrieb hat.

Wichtig auch Ihre Anmerkung: „Ich war in vielen Situationen dabei und weiß, wie schäbig die beiden sich aufführen können, so dass viele natürlich Angst haben, sie könnten die nächsten sein.

Sie sollten deshalb darauf achten, dass das Mitarbeitergespräch nächste Woche „vertraulich" (= unter 4 Augen) stattfindet, zumindest unter Beteiligung einer Person Ihres Vertrauens aus dem Betriebsrat, sofern vorhanden.

Da sie letztlich Ihren Arbeitsplatz erhalten und die Arbeitsbedingungen verbessern möchten, ist in der Tat auch Fingerspitzengefühl angezeigt. Selbstverständlich haben Sie die nachfolgend aufgeführten gesetzlichen Rechte. Die müssen aber auch taktisch klug an die Betriebsleitung herangebracht werden.



Komplexe:
I. "Ich werde nach Stunden bezahlt, wobei mir oft bis zu einer Stunde Pause am Tag abgezogen wird, ohne das ich sie überhaupt nehmen kann (zB wenn ich unter der Woche Spätdienst habe, der von 17-00uhr geht), da ich den Laden vorne nicht alleine lassen kann und ich Abends auch die einzige Person bin, die im Service arbeitet. An sich wäre es nicht so dramatisch ohne Pause zu arbeiten, aber mir wird bei dieser Schicht eine Stunde Pause abgezogen. Also eine Stunde die ich eigentlich umsonst für diesen Betrieb arbeite. Ist das rechtens? Darf man mir pauschal Pausenzeit abziehen, die ich nicht gemacht habe?"

Antwort: Nein, hier gilt das"Arbeitszeitgesetz vom 6. Juni 1994 (BGBl. I S. 1170, 1171), das zuletzt durch Artikel 12a des Gesetzes vom 11. November 2016 (BGBl. I S. 2500) geändert worden ist.
Dabei kann es allerdings Ausnahmen wie folgt geben: § 7 Abweichende Regelungen:
(1) In einem Tarifvertrag oder auf Grund eines Tarifvertrags in einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung kann zugelassen werden,
1.
abweichend von § 3
a) die Arbeitszeit über zehn Stunden werktäglich zu verlängern, wenn in die Arbeitszeit regelmäßig und in erheblichem Umfang Arbeitsbereitschaft oder Bereitschaftsdienst fällt,
b) einen anderen Ausgleichszeitraum festzulegen,
2.
abweichend von § 4 Satz 2 die Gesamtdauer der Ruhepausen in Schichtbetrieben und Verkehrsbetrieben auf Kurzpausen von angemessener Dauer aufzuteilen,
3.
abweichend von § 5 Abs. 1 die Ruhezeit um bis zu zwei Stunden zu kürzen, wenn die Art der Arbeit dies erfordert und die Kürzung der Ruhezeit innerhalb eines festzulegenden Ausgleichszeitraums ausgeglichen wird,
4.
abweichend von § 6 Abs. 2
a)
die Arbeitszeit über zehn Stunden werktäglich hinaus zu verlängern, wenn in die Arbeitszeit regelmäßig und in erheblichem Umfang Arbeitsbereitschaft oder Bereitschaftsdienst fällt,
b)
einen anderen Ausgleichszeitraum festzulegen,
5.
den Beginn des siebenstündigen Nachtzeitraums des § 2 Abs. 3 auf die Zeit zwischen 22 und 24 Uhr festzulegen.
Insofern muss ich Ihren konkreten Arbeitsvertrag kennen. Denn im Bereich der Gastronomie kann es durchaus rechtmäßig zulässige Sondervereinbarungen geben.


Sicher ist aber, dass Ihnen die Ruhezeiten zustehen und Ihnen nicht vom Entgelt „abgezogen" werden darf", wenn Sie dafür gearbeitet haben.


II. "Das heisst lange Arbeitszeiten sind vorprogrammiert, zB in den Ferien. Wer um 12 Uhr mittags anfängt, muss meist bis 23 oder 24 Uhr bleiben. Dazu wird man nach 10 Stunden aus dem System geschmissen, man wird lediglich darüber Informiert, das man zB 67min über der Arbeitszeit liegt. Wir sollen das aufschreiben und der Betriebsleitung geben, die diese dann anscheinend an einen anderen Tag hängt? ......Dieses wurde uns auch erst sehr spät mitgeteilt, so dass mir dadurch noch mehr geleistete Stunden fehlen. Kann man überhaupt dagegen etwas machen? Schon alleine im April habe ich fast 180 Stunden gearbeitet. Wir hatten Personalmangel, also bin ich selbstverständlich eingesprungen. Ich habe oft mehr als 10 Stunden gearbeitet, oder eine Spätschicht bis 24 Uhr gemacht und den Laden um 8uhr morgens zum Frühdienst aufgeschlossen. Ausserdem musste ich schon doppelschichten schieben, weil jemand erkrankt war. Das heisst ich habe meinen geplanten Frühdienst bis 14 Uhr absolviert und musste Abends zum Spätdienst wieder kommen. An dem Tag hatte ich also von 8-14 Uhr Dienst und Abends von 17-00. Am nächsten Tag musste ich um 12uhr mittags wieder zum Mitteldienst erscheinen."

Antwort: Wie oben, sowie:

§ 6 Nacht- und Schichtarbeit
(1) Die Arbeitszeit der Nacht- und Schichtarbeitnehmer ist nach den gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen über die menschengerechte Gestaltung der Arbeit festzulegen.
(2) Die werktägliche Arbeitszeit der Nachtarbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn abweichend von § 3 innerhalb von einem Kalendermonat oder innerhalb von vier Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden. Für Zeiträume, in denen Nachtarbeitnehmer im Sinne des § 2 Abs. 5 Nr. 2 nicht zur Nachtarbeit herangezogen werden, findet § 3 Satz 2 Anwendung.

III. "Meine Betriebsleitung und Serviceleitung sind Mutter und Tochter - an sich nichts schlimmes, dachte ich. Doch die Zeit hat mich eines besseren belehrt: Die beiden halten natürlich zusammen und decken sich wenn notwendig. Ich habe gar keine Chance mich bei der Betriebsleitung oder bei den Chefs der Kette über meine Serviceleitung zu sprechen, ohne das es sofort persönlich wird oder die Betriebsleitung nicht ihre Tochter deckt. Und die oberen Chefs interessieren sich (meiner Meinung) nicht dafür, Hauptsache der Laden läuft gut."

Antwort: Das ist der Grund für meinen Rat, mit Fingerspitzengefühl an die Sache heran zugehen und möglichst ein „vertrauliches" Mitarbeitergespräch zu fordern.

IV. Darf ich Stundenzettel verlangen? Natürlich habe ich mir bis jetzt immer meine Stunden aufgeschrieben, auch wie viel Zeit mir abgezogen wird. Darf ich einen Stundenzettel vom Steuerbüro oder meiner Betriebsleitung verlangen? Damit ich nachvollziehen kann, wann sie mich wie bezahlt haben?

Antwort: Ja, Sie haben ein Recht auf nachprüfbare Dokumentation Ihrer Arbeitsleistung. Das kann auch ein „Stundenzettel" sein, weil Sie ja nach Stunden bezahlt werden.

V. "Darf meine Betriebsleitung mir einfach meine geleisteten Stunden kürzen. Die beiden hätten beschlossen uns die Stunden zu kürzen, da wir die Aufgaben nicht zu ihrer Zufriedenheit erfüllt hatten. Tatsächlich habe ich vergessen, den Eistee in die Kühlung zu bringen. Ermächtigt das den beiden mir zB eine Stunde oder mehr abzuziehen?"

Antwort: Nein, kein Abzug. Geringfügige Nachlässigkeiten dürfte man unterhalb einer Abmahnung tadeln. Das berechtigt nicht zum Stundenabzug.



VI. "Bei uns gibt es sowohl in den öffentlich zugänglichen Räumen, als auch in den Mitarbeiterräumen und in der Küche Kameras. An sich würde mich das nicht Stören, aber seit neustem spioniert mir und meinen Kollegen die Betriebsleitung hinterher. Ist das wirklich erlaubt? Ich meine ich stehle nichts oder Verkäufe etwas, was ich nicht verbucht habe und bin auch noch nie in den Verdacht gekommen, so etwas gemacht zu haben. Und unterschrieben habe ich auch nichts, das es für mich ok ist, wenn die Kameras mich Filmen. "

Antwort: Gespräche dürfen nicht mitgehört werden. Ansonsten kommt es darauf an, wo und zu welchem Zweck das stattfindet. Ich schreibe Ihnen dazu noch einen Nachtrag.

VII. "Was ich verbessern muss, sehe ich das ein, aber nicht wenn sie mich anschreit und mich vor der Belegschaft schlecht macht. Muss ich mir das wirklich gefallen lassen, weil sie die Leitung hat?

Antwort: Das sog. Direktions- und Weisungsrecht aus § 106 Gewerbeordnung bzw. § 315 Bürgerliches Gesetzbuch unterliegt durchaus Grenzen: Im Rahmen des sog. billigen Ermessens muss der AG die Umstände des Einzelfalles und Ihre Interessen ausreichend berücksichtigen. Etwa sind sogar die Grundrechte zu berücksichtigen z. B. die Meinungsfreiheit, das allgemeine Persönlichkeitsrecht oder die Menschenwürde. Sinnloses Anschreien in Gegenwart Dritter oder sogar von Gästen geht also nicht.


Ich hoffe, Ihre Frage verständlich beantwortet zu haben und bedanke mich für das entgegengebrachte Vertrauen. Bei Unklarheiten können Sie die kostenlose Nachfragefunktion benutzen.

Mit freundlichen Grüßen


Rechtsanwalt Krim.-Dir. a.D. Willy Burgmer

Ergänzung vom Anwalt 31.05.2018 | 01:01

Hier noch der versprochene Nachtrag zur Videoüberwachung.


Das BAG, 29.06.2004 - 1 ABR 21/03 hat dazu folgende Kernsätze beschlossen und veröffentlicht:

„Die Einführung einer Videoüberwachung am Arbeitsplatz unterfällt dem Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG. Die Betriebsparteien haben dabei gemäß § 75 Abs. 2 Satz 1 BetrVG das grundrechtlich geschützte allgemeine Persönlichkeitsrecht der Arbeitnehmer zu beachten. Für die erforderliche Verhältnismäßigkeitsprüfung sind die Gesamtumstände maßgeblich. Mitentscheidend ist insbesondere die Intensität des Eingriffs."
Deshalb auch meine Frage zur Anzahl der Mitarbeiter und ob es demzufolge einen Betriebsrat gibt.
Im Kern ist es also so, dass es hierauf ankommt: „Für die erforderliche Verhältnismäßigkeitsprüfung sind die Gesamtumstände maßgeblich. Mitentscheidend ist insbesondere die Intensität des Eingriffs."
So ist es z.B. im Bereich der Speisenzubereitung (Küche) schon aus Sicherheitsgründen (Brandschutz/Arbeitsschutz) zulässig, eine Videoüberwachung vorzuhalten. Ggf. kann das auch im Bereich der Kassen zulässig sein. Eine vollständige Überwachung in den Sozialräumen oder auch im Bereich des Zugangs zu den Toiletten ist das eher nicht der Fall.
„Es (das allg. Persönlichkeitsrecht) ist vor allem deshalb besonders gefährdet, weil mit dieser Technik Informationen über bestimmte Personen grundsätzlich unbegrenzt speicherbar und jederzeit abrufbar sind und mit anderen Datensammlungen zu einem Persönlichkeitsbild zusammengefügt werden können, ohne dass der Betroffene dessen Richtigkeit und Verwendung zureichend kontrollieren kann (BVerfG 15. Dezember 1983 aaO, zu C II 1 a der Gründe). Diese technischen Möglichkeiten sind geeignet, bei den betroffenen Personen einen psychischen Anpassungsdruck zu erzeugen, durch den sie in ihrer Freiheit, aus eigener Selbstbestimmung zu planen und zu entscheiden, wesentlich gehemmt werden……. Dementsprechend müssen sie sich bei jeder ihrer Bewegungen kontrolliert fühlen. Ihre Gestik und Mimik, bewusste oder unbewusste Gebärden, der Gesichtsausdruck bei der Arbeit oder bei der Kommunikation mit Vorgesetzten und Kollegen unterliegen stets der Möglichkeit dokumentierender Beobachtung. Damit entsteht ein Druck, sich möglichst unauffällig zu benehmen, setzen sich doch die Arbeitnehmer andernfalls der Gefahr aus, später wegen etwa abweichender Verhaltensweisen Gegenstand von Kritik, Spott oder gar Sanktionen zu werden."

So Auszüge aus diesem Beschluss des BAG.

Mithin kommt es also sehr darauf wie, wie, wo und zu welchem Zweck die Videoüberwachung stattfindet, wie lange die Daten gespeichert werden und ob es dazu eine Betriebsvereinbarung gibt.

Fragen Sie gerne nochmal nach, wenn es dazu oder zu den anderen Komplexen noch Beratungsbedarf gibt. Oder gern auch nach dem Mitarbeitergespräch nächste Woche.

Ansonsten viel Erfolg und guten Mut wünscht,
Ihr
Willy Burgmer
- Rechtsanwalt


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