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Persönlichkeitsrecht im Roman

| 04.04.2014 16:16 |
Preis: ***,00 € |

Medienrecht


Ich habe angefangen, einen Roman zu schreiben. Und der speist sich natürlich aus vielen Erfahrungen, die ich im Lauf meines Lebens gesammelt habe bzw. von denen ich gehört habe.

Die Frage ist: reicht es, alle Informationen zu verändern, die eine Figur erkennbar machen (also: Wohnort, Name, Alter, besondere Merkmale, Aussehen, Beruf, Nationalität etc etc)? Darf man dann Details und Anekdoten, die man mit einer Person erlebt hat, in einem Roman verwenden? Etwa einen bestimmten Sprach-Tick, den jemand hat, eine übertriebene Tierliebe mit all ihren Auswüchsen oder auch eine sexuelle Perversion, etwa, dass jemand nur "kann", wenn er eine Tiermaske trägt?
Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine prominente Person, auch nicht um irgendwelche Amts- oder Würdenträger - sondern um rein private Erlebnisse und Erfahrungen. Niemand (außer den betreffenden Personen selbst oder deren andere Expartner, die beispielsweise ebenfalls mit dem Tiermasken-Fetisch konfrontiert waren) würde diese Menschen wiedererkennen.

Ein anderes Beispiel wäre, die besonders lärmempfindliche Nachbarin, die immer böse und diffamierende Briefe unter der Tür durchschiebt, in der sie die Mieterin über sich auf bestimmte böse Art beschimpft, zur Protagonistin in einem Roman zu machen. Wäre es okay, diesen Sachverhalt und einen Brief, der so ähnlich ist wie der, den die reale Nachbarin schrieb, in einen Roman einfließen zu lassen? Natürlich würde man die Handlung in eine andere Stadt verlegen, die Nachbarin hätte ein anderes Alter und einen anderen Namen, sie wäre für Dritte nicht wiedererkennbar - aber sie selbst würde vermutlich erkennen, dass ihre rüden Briefe zitiert wurden und dass sie gemeint ist.

Wenn also die reale, aber zur Unkenntlichkeit verfremdete Nachbarin mit den diffamierenden Briefen im Roman in ihrer Wohnung Geisterbeschwörungen durchführen und mit dem Teufel paktieren würde (was sie real ganz sicher nicht tut) - wie schlimm wäre das? Oder der Tiermaskenmann, der in einem Krimi der Mörder wäre - geht so etwas?

Sehr geehrter Ratsuchender,

vielen Dank für die Einstellung Ihrer Frage, die ich auf der Basis Ihre Angaben beantworten werde.

gerne beantworte ich Ihre Anfrage unter Berücksichtigung Ihrer Sachverhaltsschilderung und Ihres Einsatzes wie folgt:
Bei Ihren beiden Beispielen müssen und werden durch die Rechtsprechung Unterschiede gemacht, da sie verschiede Sphären betreffen. Die Briefeschreiberin betrifft die Privatsphäre, der Maskenträger die Intimsphäre.
Die Privatsphäre ist deutlich geringer geschützt, als denn die Intimsphäre. In Ihrem Fall entfällt nach meiner Einschätzung der Schutz der Privatsphäre der Briefeschreiberin durch die sog. Selbstöffnung der Privatsphäre, weil die Dame nicht wissen konnte, wer denn die Briefe findet und sie sogar damit rechnen musste, dass jemand drittes unbeteiligtes diese vor Ihnen finden würde.
Zu dem Widerstreit zwischen Persönlichkeitsrecht und Kunstfreiheit bezüglich der Intimsphäre im Bereich von Roman hat die Rechtsprechung in drei Entscheidungen die Kriterien des erlaubten und des tatsächlich zu unterlassenen Schreibens festgelegt. Die Entscheidungen BVerfG NJW 1971, 1645 – Mephisto, BVerfG NJW 2004, 3619 , und BGH NJW 2005, 2844 – Esra haben die Kriterien der Identifizierbarkeit einer realen Person als „Vorlage" für eine fiktive Romanfigur enger gefasst als in der bisherigen Rechtsprechung.
Bei der Abwägung mit der Kunstfreiheit kommt es zunächst darauf an, ob die betroffene Person noch erkennbar ist, was nicht nur bei Namensnennung der Fall sein kann. Die Erkennbarkeit kann sich auch aus anderen Details wie z.B. biografischen Daten ergeben, wobei es nach der strengen Rechtsprechung genügt, wenn Personen mit entsprechenden Vorkenntnissen aus dem näheren privaten Umfeld, also dem Kreis von Freunden, Bekannten und der Familie, den Betroffenen identifizieren können. Jedoch muss sich die Identifizierbarkeit dem mit den Umständen vertrauten Leser aufdrängen. Nur bei Darstellungen, bei denen dem Autor eine reale Person als gedankliche Anregung und Vorlage gedient haben mag, diese jedoch derart mit fiktionalen Elementen verfremdet wurde, das niemand mehr die reale Person in der Kunstfigur erkennen kann, scheidet die Betroffenheit des Persönlichkeitsrechts aus.
Aber selbst wenn die Erkennbarkeit gegeben wäre, versucht die Rechtsprechung den kunstspezifischen Gesichtspunkten dadurch Rechnung zu tragen, dass zudem geprüft wird, ob das Urbild, sprich die reale Person, zu einem verselbständigten künstlerischen Abbild weiterentwickelt worden ist, wobei es auf die Sicht des Durchschnittslesers ankommt. Dies ist dann der Fall, wenn sich das Abbild durch die künstlerische Gestaltung des Stoffs und die Einordnung in den Kontext des Romans so verselbständigt, dass die individuellen, persönlichen Aspekte des Urbilds verblassen und zugunsten des Allgemeinen, Zeichenhaften des Abbilds objektiviert sind, oder kurz gesagt: Je stärker Abbild und Urbild übereinstimmen desto eher eine Persönlichkeitsrechts Verletzung, und je stärker die Fiktionalisierung des Abbildes desto unwahrscheinlicher die Persönlichkeitsrechtsverletzung.
Beeinflusst werden kann dies noch dadurch, dass Sie als Autor den Lesern nahelegen, dass es sich um real existierende Personen handelt oder eben nicht.
Dies bedeutet für Sie, dass bei der Person der Briefeschreiberin keine Bedenken bestehen, diese in eine fiktive Person zu verwandeln, aber durchaus mit den Texten der Briefe. Nur wenn sie diese Briefe bevor sie diese Ihnen unter der Tür hat zukommen lassen einem Freundes- und Bekanntenkreis gezeigt hätte wäre sie ja zu erkennen, wobei dies dann ein strafrechtliches Verhalten wäre, wenn dies nicht eh schon vorliegt.
Auch bei dem Tierfan sehe ich keine Probleme die Obsession literarisch zu verwenden, wenn es auch netter wäre aus Löwenmasken eventuell Pferdemasken oder Comichelden zu machen, aber rechtlich ist dagegen nichts einzuwenden, wenn von der Ursprungsperson nur noch die Leidenschaft übrig bleibt.
Selbstverständlich würden Sie ja zu Beginn oder am Ende den üblichen Passus zur Fantasie der Autorin und der frei erfundenen Personen und Handlungen und der rein zufälligen Ähnlichkeit mit real existierenden Personen etc. verwenden.
Damit wäre ja auch den Lesern nahegelegt, dass es sich nicht um biografische Elemente des Autors handelt.
Ich hoffe, Ihnen einen ersten Überblick ermöglicht zu haben und stehe für Ergänzungen im Rahmen der kostenlosen Nachfragefunktion sowie ggf. für die weitere Wahrnehmung Ihrer Interessen gerne zur Verfügung.
Sollten Sie eine darüber hinausgehende Vertretung in Erwägung ziehen, empfehle ich Ihnen eine Kontaktaufnahme über die unten mitgeteilte E-Mail-Adresse. Die moderne Kommunikation ermöglicht insoweit auch die Überbrückung größerer Entfernungen.
Weiterhin möchte ich Sie höflichst auf die Bewertungsfunktion aufmerksam machen, die dafür sorgt, diesen Service für andere Ratsuchende transparenter zu machen.
Mit freundlichen Grüßen

Jan Gerth
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Informationstechnologierecht
Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht
Fachanwalt für Gewerblichen Rechtsschutz

Rückfrage vom Fragesteller 05.04.2014 | 06:33

Lieber Herr Gerth,
eine kleine (dumme) Nachfrage noch:

das bedeutet also, dass jemand, der gegen die Veröffentlichung eines Romans oder auf "Schmerzensgeld" klagen will, BEWEISEN muss, dass er hier irgendwie verunglimpft wurde und dass er gemeint und erkennbar ist?

Es würde zudem nicht genügen, wenn jemand sagt: Ich kenn Autorin XY persönlich, ich fuhr immer einen grünen Golf, in ihrem Roman ist ein Mann mit grünem Golf der Mörder, ich verklage Autorin XY, weil sie mich damit öffentlich als Mörder verunglimpft!?

Denn dann wäre es ja quasi gar nicht möglich, einen Roman zu schreiben, denn man kennt ja unterm Strich Vertreter aller Berufe, kennt welche mit allen möglichen Vornamen, welche, die alle möglichen Autos fahren usw...

Und, angenommen, es handelt sich um etwas Verwerfliches, Peinliches oder gar eine Straftat, dann müsste die betreffende Person sich ja öffentlich zu der Tat bekennen und würde (falls eine Straftat vorliegt) dafür auch belangt? Also: "Ich trage beim Sex immer Tiermasken!" (Peinlich, würde derjenige wahrscheinlich nicht unbedingt öffentlich machen wollen) oder "Ich habe Autorin XY einen Trojaner auf den PC geschmuggelt um sie auszuspionieren" (Straftat - er könnte dafür dann belangt werden).

Antwort auf die Rückfrage vom Anwalt 05.04.2014 | 08:14

Sehr geehrter Ratsuchender,
ja, derjenige, der gegen die Veröffentlichung eines Romans oder auf "Schmerzensgeld" klagen will, muss BEWEISEN, dass er hier irgendwie verunglimpft wurde und dass er gemeint und erkennbar ist. Die bloße Behauptung reicht nicht, d.h. er muss in einem Prozess, nachdem das Gericht die Buchstellen gelesen hat, die Fakten vortragen, aus denen sich eindeutig und zweifelsfrei ergibt, dass nur er gemeint sein kann und niemand anderes.

Und wie Sie richtig folgern ist das in einigen Fällen hochnotpeinlich und in anderen Fällen quasi das Geständnis einer Straftat.

Davor dürften sich die meisten hüten, zumal solche Prozesse selbstverständlich öffentlich sind und wenn dann ganz rein zufällig der ganze Saal voll ist vor lauter interessierter Leserschaft, dann macht das ja noch weniger Spaß. Zumindest für den, der behauptet er sei nachgezeichnet worden.

Mit freundlichen Grüßen

Jan Gerth
Rechtsanwalt

Bewertung des Fragestellers 04.04.2014 | 18:19

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Whow, so eine ausführliche und verständliche Antwort hatte ich gar nicht erwartet! Sie haben mir sehr weitergeholfen, danke!

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