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Lehrling erscheint nicht mehr zur Arbeit-besteht die Möglichkeit zur Klage?

09.12.2017 18:51 |
Preis: 68,00 € |

Arbeitsrecht


Beantwortet von

Rechtsanwalt Jan Wilking


Hallo zusammen,
folgenden Vorgang würde ich gerne schildern und beantwortet haben.
Ich habe einen Lehrling über 3 Jahre im Technischen Bereich beschäftigt und ihn nachdem er nicht an der Abschlussprüfung teilgenommen hat, letztendlich entlassen wollen, da das Ausbildungsziel nicht erreicht wurde.
Er hatte sich einen Anwalt genommen und erfolgreich sein Arbeitsverhältnis wieder eingeklagt und da das ganze Prozedere
recht lange gedauert hat, musste ich zudem das Gehalt für 1 Jahr an ihn nachzahlen.
Dies wurde in erster Linie vom Gericht mit Formfehlern etc. abgetan.

Nach diesem Prozess und der erfolgreichen Klage des Lehrlings habe ich nun Mitte des Jahres mit der Wiederaufname der Arbeit des Lehrlings gerechnet, aber er ist nicht gekommen ( auch in der Schule nicht)hat sich nicht gemeldet und auch keinen Krankenschein o.ä eingereich und sein Anwalt hat sich ebenfalls nich mehr gemeldet.( Offensichtlich hat er aber sein Mandat niedergelegt ).

Meine Frage ist folgende: Habe ich als Arbeitgeber nun auch das Recht Klage gegen diesen Lehrling ein zu reichen und Schadenersatz zu fordern. Wenn ich einen Stundensatz von 25,- als realistischen Wert ansetze, dann kommt schon erheblicher
Betrag zusammen(und entsteht jeden Arbeitstag mehr) der mir durch sein Nichterscheinen entgangen ist?

Ebenso würde ich gerne wissen, ob ich das Jahresgehalt auch zurückfordern kann, da das Ziel der Klage war die Abschlussprüfung zu wiederholen?

Wie sollte ich jetzt mit der Sitation umgehen, offensichtlich haben Lehrlinge vor Gericht einen Fraifahrtsschein?

Grüße, BM

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Sehr geehrter Fragesteller,

Ihre Anfrage möchte ich Ihnen auf Grundlage der angegebenen Informationen verbindlich wie folgt beantworten:

Theoretisch können Sie Schadensersatz verlangen, wenn der Lehrling trotz Verpflichtung hierzu nicht zur Arbeit erscheint. Allerdings müssten Sie im Streitfalle darlegen und beweisen, dass dieser Schaden tatsächlich in der geltend gemachten Höhe entstanden ist. Bei einem normalen Arbeitnehmer ist dies der Fall, wenn z.B. eine Ersatzkraft eingestellt werden muss, die dessen Arbeiten übernimmt und dadurch dem Arbeitgeber höhere Kosten entstehen. Da der Auszubildende aber nur Verrichtungen im Rahmen des Ausbildungszwecks auszuführen hat und nicht wie ein ausgelernter Arbeitnehmer die Leistung der versprochenen Dienste gemäß § 611 BGB schuldet, ist der Schadensnachweis bei fehlenden Azubis in der Praxis sehr schwierig. Sie müssten im Prozess nachweisen, dass aufgrund des Ausfalls des Lehrlings besondere Schäden zu erwarten gewesen wären, die nur durch vorübergehende Beschäftigung eines anderen Arbeitnehmers zum als Schaden geforderten Stundenlohn vermieden werden konnten (vgl. Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 17. 8. 2000 – 8 AZR 578/99).

Ich möchte an dieser Stelle zur Sicherheit auch darauf aufmerksam machen, dass ein Arbeitnehmer nach gewonnener Kündigungsschutzklage nicht automatisch verpflichtet ist, wieder zur Arbeit zu erscheinen. Der Arbeitgeber muss ihn hierzu ausdrücklich auffordern (Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 05.11.2009 - 26 Sa 1840/09). Ist eine solche Aufforderung bisher nicht erfolgt, ist der Lehrling derzeit gar nicht verpflichtet, zur Arbeit zu erscheinen.

Das Jahresgehalt mussten Sie zahlen, weil Sie sich im Annahmeverzug befanden. Ich gehe davon aus, dass Sie dem Lehrling nach Ihrer Kündigung keine Arbeit mehr angeboten haben, auch nicht während des laufenden Prozess (so genannte Prozessbeschäftigung). Daher sehe ich auch leider wenig Chancen, dieses Gehalt zurückzufordern, auch wenn das angebliche Ziel die Abschlussprüfungswiederholung war. Ohne Kenntnis der Klage und des Urteils fällt eine abschließende Beurteilung aber schwer.

Damit Sie nicht im Rahmen einer weiteren Klage schlechtem Geld noch gutes hinterherwerfen, sollten Sie wenn möglich mit anwaltlicher Hilfe vor Ort schnellstens klären, ob der Lehrling überhaupt wieder zur Arbeit verpflichtet wurde oder noch eine Aufforderung notwendig ist. Ansonsten werden Sie auch trotz Nichterscheinen keine arbeitsrechtlichen Sanktionen aussprechen oder Schadensersatz fordern können.


Ich hoffe, Ihre Frage verständlich beantwortet zu haben und bedanke mich für das entgegengebrachte Vertrauen. Bei Unklarheiten können Sie die kostenlose Nachfragefunktion benutzen.

Mit freundlichen Grüßen

Nachfrage vom Fragesteller 09.12.2017 | 21:27

Sehr geehrter Herr Wilking,

Vielen Dank für Ihre prompte Antwort.
Ich habe den Lehrling selbstverständlich mehrfach aufgefordert zu erscheinen und ihm die Arbeit auch angeboten.
Würden Sie an meiner Stelle ihm jetzt die Kündigung aussprechen oder was würden Sie letztendlich empfehlen und wie die Erfolgsaussichten einschätzen?
Muss ich irgend etwas beachten?
Grüße, B.M

Antwort auf die Nachfrage vom Anwalt 10.12.2017 | 08:13

Vielen Dank für Ihre Nachfrage.

Ich gehe davon aus, dass Sie an einer weiteren Ausbildung dieses speziellen Lehrlings kein großes Interesse mehr haben. Daher halte ich es für empfehlenswert, den Lehrling aus wichtigem Grund fristlos zu kündigen. Vorher sollten Sie dem Lehrling zur Sicherheit aber nachweisbar eine Abmahnung wegen unentschuldigtem Fehlen sowohl in Schule als auch Betrieb erteilen und für den Fall weiterem Fortbleibens die fristlose Kündigung androhen. Nach wirksamen Zugang der Kündigung steht Ihnen dann auch ein Schadensersatzanspruch gemäß § 23 Absatz 1 BBiG zu, wenn Sie einen auf der vorzeitigen Auflösung beruhenden Schaden nachweisen können.

Mit freundlichen Grüßen

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