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Ärztlicher Handlungsspielraum bei Einleitung einer künstlichen Beatmung


| 03.12.2013 13:30 |
Preis: ***,00 € |

Medizinrecht


Beantwortet von


in unter 2 Stunden

Zusammenfassung: Wenn der Wille des Patienten durch die behandelnden Ärzte nicht eruierbar ist, eine Patientenverfügung nicht vorliegt und nicht klar ist, was der Patient mutmaßlich gewünscht hätte, so gilt der Grundsatz "in dubio pro vita" … im Zweifel also für das Leben.


Sehr geehrte Damen und Herren,

meine an Alzheimer erkrankt Mutter wurde vor einer Woche in Klinik A mit einer lebensbedrohlichen Lungenentzündung eingewiesen. Bereits im Juni war meine Mutter bereits wegen einer Lungenentzündung behandelt worden. Ich war damals als gesetzliche Betreuerin gefragt worden, ob ich lebensverlängernden Maßnahmen zustimme, habe dies aber verneint. Diese Aussage wurde dokumentiert, aber lag bei der jetzigen Einlieferung meiner Mutter nicht vor.

Es stellt sich mir nun die Frage welch rechtlicher Spielraum dem behandelnden Arzt gegeben war.

Folgende Annahmen bei seiner Entscheidung sollen zugrunde gelegt werden:

1) Der behandelnde Arzt wusste NICHT, dass bei einem 5-monatig zurückliegenden Aufenthalt in der gleichen Klinik mit gleichem Krankheitsbild einer künstlichen Beatmung bereits widersprochen wurde

2) Der behandelnde Arzt hatte Kenntnis über die Alzheimererkrankung meiner Mutter und darüber, dass diese sich bereits im Endstadium befindet (Verlust des Gehvermögens, Verlust des Sprachvermögens, überwiegende Bettlägerigkeit)

3) Der behandelnde Arzt hatte Kenntnis, dass meine Mutter wiederholt an Lungenentzündung erkrankt war

4) Der behandelnde Arzt ging davon aus, dass meine Mutter ohne die künstliche Beatmung sterben wird

5) Der behandelnde Arzt wusste, dass die Einleitung einer künstlichen Beatmung bei Alzheimerpatienten nur schwer rückgängig machbar ist, da es bei einer Entwöhnung von der Beatmung und Extubierung notwendig ist, die verabreichten sedierenden und relaxierenden Medikamente schrittweise zu reduzieren beziehungsweise abzusetzen. Und dies dazu führt, dass der (Alzheimer)-Patient (in diesem Fall meine Mutter) beim Aufwachen versucht sich gegen die eingeführten Schläuche zu wehren, aufgrund der Alzheimererkrankung jedoch im Gegensatz zu anderen Patienten keine Möglichkeit besteht durch Sprache den Patienten die Situation erklären und zur Ruhe ermutigen zu können, so dass die Medikamentengabe wieder erhöht werden muss und eine Beendigung der eingeleiteten künstlichen Beatmung nicht absehbar ist.

Nun die Frage:

Wäre aus rechtlichen Aspekten – unter Abwägung der o.g. Punkte - dem behandelnden Arzt rechtlich möglich gewesen auf die künstliche Beatmung zu verzichten und die Entscheidung zu treffen, stattdessen den Sterbeprozess meiner Mutter zu erleichtern, also z.B. palliative Maßnahmen zu veranlassen? Oder hätte er aus rechtlichen Gründen, dass Leben meiner Mutter um jeden Preis - gerade im Hinblick auf eine dauerhafte künstliche Beatmung und den damit verbundenen Strapazen - verlängern müssen?

Vielen Dank bereits im Voraus.
03.12.2013 | 14:23

Antwort

von


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Sehr geehrte Fragestellerin,

gerne beantworte ich Ihre Frage unter Beachtung der von Ihnen mitgeteilten Informationen.

Der Dreh- und Angelpunkt bei all diesen, leider immer häufiger vorkommenden, Problemstellungen ist der Patientenwille!
Nun ist es im Fall Ihrer Mutter so, dass deren aktueller Patientenwille nicht mehr erfragt werden kann und wahrscheinlich auch nie wieder in Erfahrung gebracht wird.
In diesen Fällen wäre vorrangig eine Patientenverfügung das Mittel der Wahl, um den Willen Ihrer Mutter festzustellen und entsprechend (durchgesetzt durch einen Bevollmächtigten oder einen Betreuer) zu handeln.
Ihrer Schilderung entnehme ich, dass eine entsprechende Patientenverfügung nicht vorliegt.

Wenn der Wille nicht anders eruiert werden kann, so müssen die behandelnden Ärzte den mutmaßlichen Willen der/des Patienten herausfinden. Dafür dient die Befragung von nahen Angehörigen oder sonstigen Vertrauenspersonen, welchen der/die Patient(in) mitgeteilt hat, wie sie sich zum Beispiel im Falle einer notwendig werdenden Beatmung aufgrund einer Lungenentzündung entscheiden würde.

Dies schien im vorliegenden Fall ebenfalls aufgrund einer gewissen Zeitnot nicht möglich gewesen zu sein.

In Zweifelsfällen gilt für die behandelnden Ärzte dann der Grundsatz: "in dubio pro Vita" also im Zweifel für das Leben.

Dies bedeutet, dass - wenn keine anderen Anhaltspunkte bestehen - alle notwendigen Maßnahmen getroffen werden müssen, um das Leben zu schützen, da ein Arzt ansonsten aufgrund seiner strafrechtlichen Garantenstellung mit erheblichen Konsequenzen zu rechnen hat.

Ohne nun die konkrete Patientenakte gesehen zu haben, so gehe ich davon aus, dass im besagten Zeitpunkt eine massive Dyspnoe vorlag. Da dieser Zustand grundsätzlich als massiv menschenunwürdig zu werten ist, müssen die behandelnden Ärzte Maßnahmen einleiten, um diesen Zustand der Luftnot zu mildern (Ersticken möchte niemand).

Einen Anspruch auf Palliation gibt es, soweit dies der Wunsch des Patienten ist. Dies ist hier leider nicht klar herleitbar.

Wenn der Sterbeprozess bereits angefangen hat (hier geht es wirklich um die letzten Stunden) so wandelt sich auch jegliche Pflicht zur Lebenserhaltung in eine Verpflichtung zur Sterbebegleitung. Ich gehe jedoch davon aus, dass dieser Zustand bei Ihrer Mutter nicht vorlag.

Da es den behandelnden Ärzten in der konkreten Situation wohl unmöglich war den Willen Ihrer Mutter zu eruieren, galt für dies die Pflicht im Zweifel die Intubation durchzuführen.

Um dies nun genau prüfen zu können (also wie kritisch war der Zustand Ihrer Mutter), müsste Einblick in die Patientenakte genommen werden. Aus dieser dürfte sich ergeben, ob beispielsweise durch zunächst eine "NIV" (= nicht invasive Beatmung mittels einer Maske), der Zustand der Atemnot hätte gemildert werden können und im gleichen Zuge Angehörige hätten befragt werden können, was der mutmaßliche Wille Ihrer Mutter gewesen wäre.


Ich hoffe, dass sich für die nunmehr durchaus problematische Situation eine Lösung finden lässt. Bitte bedenken Sie, dass auch nun der (mutmaßliche) Wille Ihrer Mutter zählt. Wenn dieser so zu verstehen ist, dass sie eine Beatmung ablehnt, so wären ggf. die Beatmungsmaßnahmen einzustellen.
Diese Entscheidung und auch die rechtliche Begleitung bei dieser Fragestellung übersteigt jedoch die Möglichkeiten dieses Portals. In dem Fall, dass es darum geht die nunmehr eingeleitete Beatmung zu stoppen, wäre dies seriös nur durch eine ordentliche Mandatierung und wahrscheinlich auch nur durch eine gerichtliche Entscheidung des Betreuungsgerichts möglich.

Ich hoffe, dass ich Ihnen somit zunächst helfen konnte. Gerne dürfen Sie die Nachfrage-Funktion nutzen.

Ich wünsche Ihnen die nötige Kraft für die kommenden Tage/Wochen/Monate und grüße Sie herzlich aus der Pfalz

Jan Gregor Steenberg, LL.M.
Fachanwalt für Medizinrecht


Rechtsanwalt Jan Gregor Steenberg, LL.M.
Fachanwalt für Medizinrecht, Fachanwalt für Gewerblicher Rechtsschutz

Nachfrage vom Fragesteller 03.12.2013 | 15:00

Sehr geehrter Herr Steenberg,

ich danke Ihnen für ihre Anwort obwohl ich aus menschlicher Sicht heraus wünschen würde, dass ein Arzt aus den genannten Hindergründen heraus auch anders entscheiden dürfte. Ich kann Ihnen nur sagen, dass diese Maßnahme eine Quälerei für meine Mutter ist deren medizinischen Sinn ich nicht verstehen kann (diese Meinung wird im Übrigen von der zuständigen Krankenschwester geteilt). Medizinische Maßnahmen sollten doch dazu dienen, Leiden zu vermindern und nicht ein zeitlich beschränktes Sterben gegen ein verlängertes (Nicht)-Sterben zu ersetzen. Wenn Sie das sehen würden was ich gesehen habe, wüssten Sie sicherlich was ich meine.

Außerdem war dies auch nur eine "theoretische" Frage, da ich ja bereits im Juni die Aussage der Klinik gegenüber getroffen hatte, dass lebensverlängernden Maßnahmen nicht zugestimmt wird, aber aufgrund einer fehlenden Datenbank diese Information innerhalb der Klinik nicht vorlag und die Akte im Archiv war, was die Angelegenheit noch viel Schlimmer macht.

Ich wünsche Ihnen auch alles Gute!

Viele Grüße + nochmals ganz herzlichen Dank

Antwort auf die Nachfrage vom Anwalt 03.12.2013 | 15:42

Ich kann Ihre Erfahrungen durchaus teilen, da ich selber im Rahmen meines Engagements im Rettungsdienst eingige dieser Fälle "live" erlebt habe und ich erst vergangene Woche einen Vortrag in der Universität Zürich zu dem Thema "Palliation und/oder Notfallmedizin" gehalten habe. Darin ging es genau um Ihre Fragestellung (wenn auch unter dem Geischtspunkt des Schweizer Rechts).

Ich verstehe Ihre Situation sehr gut. Ich denke auch wirklich, dass man sich ernsthaft nunmehr darüber Gedanken machen muss, die Beatmung zu beenden und in eine palliative Behandlung überzuleiten. Hier gibt es ein wegweisendes Urteil des BGH: 2 StR 454/09 vom 25.06.2010 (ist im Internet abrufbar). Mit dieser neuen Entscheidung hat der BGH den Weg frei gemacht auch im Fall Ihrer Mutter die Beatmung zu beenden. Wie gesagt, dies ist eine Angelegenheit, welche man nicht im Rahmen einer Online-Beratung regeln kann. Vielleicht ließe sich aber so ein Lösung finden, welche insbesondere auch dem Willen Ihrer Mutter entspricht.

Ich wünsche Ihnen nochmals alles Gute!!!

Bewertung des Fragestellers 03.12.2013 | 15:01


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