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"Spiele" während der Arbeitszeit


11.04.2008 14:26 |
Preis: ***,00 € |

Arbeitsrecht


Beantwortet von

Rechtsanwalt Gerhard Raab


| in unter 2 Stunden

Sehr geehrte Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte,

ich habe eine Frage zu einer Situation die mich in den letzten Tagen nicht ruhen lässt.

Ich bin CC-Agent bei einem mittelständischen Unternehmen. Da wir z.Zt. wenig Arbeit haben wurde die Bildschirmunterbrechung von der Firma genutzt und ein Spielchen zu machen. Bei diesem Spielchen ging es darum, dass man mit einem Seil einen Ball ausbalanciert und ihn so von A nach B bringt.
Ich habe zu anfangs meinem Vorgesetzten gesagt dass ich dass nicht mitmachen will, da ich dass kindisch finde und dies nichts mit meinem Beruf zutun hat. Weiterhin ist zu sagen dass ich vor kurzem einem Trauerfall in der Familie hatte und ich nicht zu irgendwelchen Spielchen aufgelegt bin.
Mein Arbeitgeber in Form meines Vorgesetzten sagte, dass seinen keine Spielchen sondern allerhöchste Übungen im Management (?).
Ich habe meinem Vorgesetzten gesagt dass ich kein Manager bin und auch kein Kleinkind, dass mit Ball und Seil spielen muss. Der Vorgesetzte hat dann gesagt die Teilnahme sei eine Arbeitsanweisung und ich müsse mitmachen. Unter Protest habe ich dann dieses Spielchen dann mitgemacht. Dabei habe ich mich sehr erniedrigt, verletzt und in meiner Würde gedemütigt gefühlt.

Ich habe den Betriebsrat danach sofort eingeschaltet, dieser will prüfen ob dies rechtlich erlaubt ist. Ich meinerseits möchte nun hier eine kurze rechtliche Einschätzung der Situation durch einen "neutralen" Rechtsanwalt von "frag einen Anwalt". Ich "spiele" mit dem Gedanken meinen Arbeitgeber zuverklagen, weil er mich aus meiner Sicht heraus gedemütigt hat in dem er mich gezwungen hat ein Spiel mitzu machen, dass nun rein gar nichts mit meiner Arbeit zutun hat und meine Trauerphase nicht respektiert hat.

Meine Fragen: Wie sieht der bearbeitende Anwalt die Situation? Durfte der Vorgesetzte mich unter Androhung von Abmahnung und Kündigung zu diesem Spiel zwingen? Muss man überhaupt Dinge tun die nicht mit der Arbeit zu tun haben (auch wenn im Arbeitsvertrag drinsteht, dass man zu allen Tätigkeiten herangezogen werden kann? Gibt es eine Frist die ich für eine ggf einzureichende Klage beachten muss?

Vielen Dank für Ihre Hilfe.

Trifft nicht Ihr Problem? Wir haben 79 weitere Antworten zum Thema:
11.04.2008 | 15:07

Antwort

von

Rechtsanwalt Gerhard Raab
734 Bewertungen
Sehr geehrter Fragesteller,

zu Ihrer Frage nehme ich wie folgt Stellung:

1.

Bzgl. Ihrer Arbeitstätigkeit gibt der Arbeitsvertrag Auskunft. Im Arbeitsvertrag wird niedergelegt sein, was zu Ihrer Arbeitstätigkeit gehört.

2.

Sie schildern ein Spiel, das offensichtlich ausschließlich der Unterhaltung dient. Sich an einem derartigen Spiel zu beteiligen, gehört sicherlich nicht zu den Arbeitstätigkeiten, zu denen Sie lt. Arbeitsvertrag verpflichtet sind. Daraus ergibt sich, daß der Vorgesetzte Sie auch nicht anweisen kann, an dem Spiel teilzunehmen. Hier überschreitet der Vorgesetzte sein arbeitsrechtliches Direktionsrecht eindeutig.

Ihre Reaktion, daß Sie mitteilten, nicht mitspielen zu wollen und sich im übrigen wegen eines Trauerfalls in der Familie nicht dazu aufgelegt zu fühlen, ist völlig korrekt und in keinster Weise zu beanstanden. Die Antwort des Vorgesetzten, es handele sich hier nicht um Spielchen, sondern um "allerhöchste Übungen im Management" dürfte als bloße Ironie gewertet werden.

3.

Die Meinung Ihres Vorgesetzten, er könne Anweisungen erteilen, Spielchen zu machen, liegt neben der Sache. Hierzu kann und darf der Vorgesetzte Sie nicht zwingen.

4.

Der Betriebsrat wird bei korrekter rechtlicher Prüfung zu dem Ergebnis gelangen, daß der Vorgesetzte sein Direktionsrecht bei weitem überschritten hat. Sie hätten die Teilnahme an dem Spiel getrost verweigern können. Wären Sie abgemahnt worden, hätten Sie beim Arbeitsgericht Klage mit dem Antrag erheben können, die Abmahnung aus der Personalakte zu entfernen. Die Nichtteilnahme an einem Spiel ist kein Abmahnungsgrund, sofern dieses Spiel nicht zur Arbeitstätigkeit gehört.

Der Ausspruch einer Kündigung wäre für den Arbeitgeber geradezu eine Blamage: Diesen Prozeß würden Sie gewinnen, vorausgesetzt natürlich, das Kündigungsschutzgesetz (mehr als 10 Arbeitnehmer) würde zu Ihren Gunsten eingreifen. Gilt das Kündigungsschutzgesetz nicht, kann der Arbeitgeber ein Arbeitsverhältnis jederzeit kündigen, ohne sich auf einen besonderen Kündigungsgrund berufen zu müssen.

Tatsache bleibt, daß eine Kündigung wegen des Nichtspielens nicht zulässig ist.

5.

Selbst wenn im Arbeitsvertrag festgehalten ist, man könne zu allen Tätigkeiten herangezogen werden, muß man relativieren. Diese sehr weit gefaßte Klausel bedeutet nicht, daß Sie wirklich jede Tätigkeit ausüben müssen. Obwohl eine derartige Formulierung für den Arbeitnehmer grundsätzlich inakzeptabel ist, wird man diese Formulierung bei verständiger Interpretation so verstehen müssen, daß das Direktionsrecht des Arbeitgebers zwar recht weit gefaßt ist, daß die Tätigkeiten, die man Ihnen auferlegt, stets jedoch mit dem Arbeitsgebiet, das Gegenstand des Arbeitsvertrags ist, im weitesten zusammenhängen muß.

Hierzu ein Beispiel: Wenn jemand im Verkauf angestellt ist, wird man von ihm, selbst wenn der Arbeitsvertrag eine Klausel aufweist, wie Sie sie schildern, nicht verlangen können, die Toiletten zu reinigen.



Fazit: Ihr Vorgesetzter scheint über das Ziel weit hinausgeschossen zu sein. Sie hätten die Teilnahme an dem Spiel ablehnen können, ohne rechtliche Sanktionen fürchten zu müssen.

Von einer Klage gegen den Arbeitgeber rate ich allerdings ab, da ich bereits Bedenken habe, ob es hierfür eine Anspruchsgrundlage gibt. Im übrigen würde ein Rechtsstreit auf dieser Basis Ihre Stellung im Betrieb nicht stärken, sondern mit Sicherheit schwächen.


Mit freundlichen Grüßen


Gerhard Raab
- Rechtsanwalt -


ANTWORT VON
Rechtsanwalt Gerhard Raab
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